Aktuelle Projekte für die Menschenwürde

Auch in Ansbach litten die Menschenrechte

Pressemitteilung zum 10. Dezember 2018

Vor 70 Jahren, exakt am 10. Dezember 1948, ergänzten die Vereinten Nationen ihre Charta mit der "Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte". Weltweit wird in diesen Tagen darüber diskutiert, was dieser Akt der UN bis heute bewirkte. Die Erkenntnisse sind im Blick auf die Frage, ob und wie Menschenrechte in unterschiedlichen Ländern praktiziert und durchgesetzt werden, oft erschreckend, beängstigend, trostlos. Wie aber hat sich die Menschenrechts-Situation in dieser Region, speziell auch im Raum Ansbach seither entwickelt? Die Regionalgruppe Ansbach der Bürgerbewegung für Menschenwürde in Mittelfranken hat sich mit dieser Frage beschäftigt und folgenden Bericht veröffentlicht.

Nein, mit lautem Hurra in der Bevölkerung ist die UN-Menschenrechtserklärung im Dezember 1948 nicht begrüßt worden. In manchen fränkischen Zeitungen las man zwar zuversichtliche, manchmal schwärmerisch hoffnungsvolle Kommentare. Aber das Thema ging dennoch an der Masse der Menschen vorbei. Weil die Bürger nämlich vorwiegend noch mit materiellen Problemen und Existenzsorgen zu kämpfen hatten und vor allem für diese ihre Sinne schärften.

Außerdem war diese Generation, die das Nazi-Reich bewusst miterlebt hatte, in Gänze noch keineswegs völlig frei war von Resten alten Denkens und Handelns. Deshalb fiel nicht wenigen damaligen Zeitgenossen der Zugang zu solchen weitreichenden theoretischen Thesen ziemlich schwer. Die meisten Menschen nahmen die Erklärung zur Kenntnis. Viel mehr wohl nicht. Für ein Buchprojekt, das der Seniorenbeirat der Stadt Ansbach derzeit angeht, und für das ältere Mitbürger Berichte aus "alten Tagen" mündlich oder schriftlich einbringen, kamen einige Beiträge, die präzise in den Kontext des Menschenrechts-Themas und die damalige Zeit passen. Wie die Geschichte vom homosexuellen Bruder einer betagten Ansbacherin. Dieser Mann, Anfang der 1950-er Jahre 22 Jahre alt, hatte einen Freund in Nürnberg. Dieser Freund erhielt eines Tages eine Vorladung zur Polizei wegen "Verdacht der Unzucht unter Männern", strafbar nach Paragraf 175. Darauf stand Freiheitsstrafe.

Der junge Ansbacher erfuhr davon. Aus Angst, gleich seinem Freund in die Mangel der Justiz zu geraten, packte er sofort seine Koffer und setzte sich zunächst nach Frankreich ab, irrte dann durch ganz Europa und fand schließlich erst nach drei Jahren in Griechenland eine neue Heimat. Seine Schwester indes wurde in Ansbach mehrmals vernommen. Ihr Bruder kehrte erst in den 1970-er Jahren erstmals nach Ansbach zurück, als der Paragraf 175 hier zu Lande schon lange nicht mehr angewandt wurde. Die Schwester spricht heute noch von einer "Hexenjagd auf Homosexuelle" in den 1950-ern. Und dies, obwohl in der Menschenrechtserklärung der UN bereits ein Diskriminierungsverbot formuliert war.

Ein weiterer Seniorenbericht aus den 1950-er Jahren schildert, wie Kinder, Buben wie Mädchen, auch an Schulen in Ansbach und Umgebung von Lehrern mit Schlägen bestraft wurden, dass einige Pädagogen gnadenlos und ungestraft prügelten und auch verbal Grenzen überschritten.

Die eingeschränkten Rechte der Frauen, nicht Ansbach-spezifisch, aber auch ein Problem dieser Zeit in der hiesigen Region, spielen ebenfalls in den Schilderungen mancher Senioren eine Rolle. Wie bei jener heute älteren Dame, die sich dereinst - schwanger - von ihrem Verlobten trennte, weil dieser sich schon vor der Hochzeit weigerte, später die Berufstätigkeit seiner Ehefrau zu akzeptieren. Gesetzlich war nämlich sogar noch eine Genehmigung durch den Ehemann vorgeschrieben, was nach Meinung der betroffenen Dame ein Verstoß gegen den Gleichheits-Artikel in der Menschenrechts-Erklärung war.

Erst am Ende der 1960-er Jahre, so zeigen alle Recherchen, bildete sich weit verbreitet bundesweit und augenscheinlich auch im Raum Ansbach vielfach eine andere Sensibilität in Sachen Menschenwürde und Menschenrechte. Offenbar hatte das damit zu tun, dass inzwischen eine neue Generation herangewachsen war, die das Bild bestimmte, mit mehrheitlichem Hang zur damals aufblühenden Friedens- und Versöhnungspolitik, aber auch zur Emanzipation der Staatsbürger.

Trotzdem folgte der spektakulärste Akt der Menschenrechts-Verletzung in der Nachkriegszeit in Ansbach erst in den späten 1970-er und in den frühen 1980-er Jahren, als am Bezirkskrankenhaus hilflose, entmündigte Patienten für illegale Medikamentenversuche missbraucht wurden. Drei Menschen kamen noch während der Versuche ums Leben, ein alter Herr starb kurz danach. Der Gipfel des Skandals war es, dass keiner der beteiligten Ärzte die Verantwortung übernehmen wollte und der zuständige Chefarzt erst nach Jahren und einem zweiten illegalen Medikamentenversuch an der Klinik aus dem Dienst entfernt wurde.

Es gibt noch weitere Beispiele von schlagzeilenträchtigen Menschenrechts-Eingriffen in der Folgezeit: Wie die Umstände des Diebstahls von 97 Schuss Maschinengewehr-Munition bei der Ansbacher Polizei. Kurze Zeit nach dem Diebstahl wurden nämlich in Erlangen ein jüdischer Verleger und seine Partnerin von Rechtsextremisten ermordet: mit Munition exakt gleicher Art, wie sie in Ansbach verschwunden war. Immer wieder stand die Behauptung im Raum, beide Geschehnisse hingen zusammen. Der Diebstahl jedenfalls wurde unter bis heute fragwürdigen Umständen nie aufgeklärt und für einen Inspektionsleiter der Polizei, der gerne aufgeklärt hätte, endete die Affäre mit einer beruflichen und menschlichen Tragödie.

Dann war da noch die politisch einseitige Einmischung der US-Armee in den Ansbacher Oberbürgermeister-Wahlkampf 1990: In einem Geheimpapier forderten vorgesetzte Stellen die Ansbacher Soldaten auf, mit dafür zu sorgen, dass nicht der SPD-Kandidat siegen möge.

Als trotz des geheimen Charakters die Medien über die Affäre berichteten, begannen - ebenso wie im Munitions-Skandal -, Abläufe, die damals als menschenrechtswidrige Akte staatlicher Willkür, also als Affront gegen die Informationsfreiheit und die Freiheitssphäre des Einzelnen gewertet wurden und die sich vor allem gegen die berichtenden Journalisten richteten: Verbale Droh- und Einschüchterungsversuche, das Abhören von Telefonen und schikanöse, sich ständig wiederholden Polizeikontrollen bei den betreffenden Redakteuren zum Beispiel.

Dass seither Ansbach von solch spektakulären Verstößen gegen die Menschenrechte verschont geblieben ist, erscheint uns in der Bürgerbewegung für Menschenwürde als ein erfreuliches Zeichen. Es ist im Prinzip unbestreitbar, dass ein bewusstes Menschenrechts-Denken inzwischen in diesem Land, auch in dieser Stadt spürbar in breiten Kreisen der Bevölkerung Fuß gefasst hat. Was nicht zuletzt sicher auch der Langzeit-Wirkung des Jubiläums-Ereignisses zu verdanken ist.

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17.09.2018: Ansbach bekennt sich zur Demokratie

Bei einer spektakulären Kundgebung vor dem Rathaus werden etwa 30 Bürger aus Stadt und Landkreis öffentlich ein Plädoyer für den demokratischen Rechtsstaat halten

Unter dem Motto "Ansbach bekennt sich zur Demokratie" steigt in der mittelfränkischen Bezirkshauptstadt am 17. September 2018 vor dem Rathaus eine Kundgebung der besonderen Art: Dabei werden innerhalb von fünf Stunden etwa 30 Frauen und Männer aus den unterschiedlichsten Bereichen des gesellschaftlichen Lebens in Stadt und Landkreis über alle Parteigrenzen hinweg in drei- bis fünfminütigen Redebeiträgen den Satz argumentativ vervollständigen "Demokratie finde ich gut, weil ..."

Für Ulrich Rach, Sprecher der Regionalgruppe Ansbach bei der Bürgerbewegung für Menschenwürde in Mittelfranken und federführender Organisator der Veranstaltung, soll die Aktion auch eine Antwort sein auf die hasserfüllten, von antidemokratischen Kräften angestachelten und Gewalt begleiteten Ereignisse in Chemnitz. "Wir in Ansbach nehmen auf diese Weise die aktuell vielfach geäußerte Forderung ernst, dass die breite demokratische Mehrheit in diesem Land dem Angst einflößenden Tun der Extremen, dem Terror der gewaltbereiten Fanatiker von rechts und links nicht länger einfach schweigend zuschauen darf, sondern sich zu Wort melden muss. Deshalb gehen wir auf die Straße und wenden uns als vielfältige gesellschaftliche Gruppe und als Stimme von politischem Anstand, von Toleranz und Friedfertigkeit gegen Hass, Hetze und Gewalt."

Der Anlass, eine solche spektakuläre Aktion ins Leben zu rufen, ergab sich aus der Tatsache, dass am 17. September der mit Mitteln von Bund und Land finanzierte "Demokratiebus" in Ansbach Station macht, der in diesen Wochen durch ganz Bayern tourt. Ziel der Bus-Aktion ist es, möglichst viele Bürger zum Gespräch und zum Nachdenken über die Demokratie einzuladen.

"Der Zeitpunkt konnte nicht günstiger sein, als gerade jetzt dieses Ansinnen, die Demokratie zu thematisieren, mit unserer außergewöhnlichen Kundgebung zu verwirklichen und in diesem Kontext einen besonderen politischen Akzent zu setzen", meint Ulrich Rach. "Wir wollen auf breitester Basis aufzeigen, dass die radikalen Kräfte, die Populisten, Extremisten und Nationalisten, die unseren demokratischen Rechtsstaat in Zweifel ziehen und ihn ganz bewusst gefährden, nichts weiter als eine laut schreiende Minderheit sind. Und dass jene Bürger, die die seit 70 Jahren in diesem Land erfolgreich und vorbildlich praktizierte Demokratie wertschätzen, alle wichtigen und guten Argumente für sich haben."

Die Kundgebung, die auch von einem bunten Rahmenprogramm begleitet wird, beginnt am 17. September um 11 Uhr auf dem Martin-Luther-Platz in Ansbach und dauert bis 16 Uhr. Außer der Bürgerbewegung für Menschenwürde tragen sie der Integrationsbeirat der Stadt Ansbach, die Gleichstellungsstellen von Stadt und Landkreis, die Bildungskoordinatoren für Zugewanderte in Stadt und Landkreis, die Lokale Allianz gegen Rechtsextremismus und das Bayerische Bündnis für Toleranz mit.


Öffentliche Podiumsdiskussion "Demenz und Menschenwürde" am 17. Juli 2018

Plakat "Demenz und Menschenwürde" am 17.07.2018 in Ansbach

"Demenz und Menschenwürde". Das ist das Thema einer öffentlichen Podiumsdiskussion mit namhaften Fachleuten aus der Region, die am Dienstag, 17. Juli 2018, um 19 Uhr im Bezirksrathaus Ansbach, Danziger Straße 5, stattfindet.

Weil immer mehr Menschen ein höheres Lebensalter erreichen, als das früher der Fall war, ist die Zahl der Demenzkranken in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen. Das gilt auch für Mittelfranken. Aus dieser Tatsache ergeben sich für diese Kranken und deren Angehörige nicht nur viele neue rein praktische Probleme beispielsweise im Blick auf den quantitativen und qualitativen Versorgungsstandard, sondern es stellen sich zunehmend auch wichtige menschlich-moralische Fragen.

Experten und Angehörige sorgen sich vor allem um die Würde der Betroffenen: Was bleibt jenen Dementen an Menschenwürde, die infolge ihrer Krankheit kein selbstbestimmtes Leben mehr führen können, die ihre intellektuellen Fähigkeiten verlieren und in ihrer Hilflosigkeit auf Gedeih und Verderb auf andere, oft fremde Menschen und deren Entscheidungen angewiesen sind? Was empfinden die Betroffenen in dieser dramatischen Situation der Entmündigung? Wie gehen die Angehörigen damit um? Wie reagiert die Gesellschaft?

Das sind Kernfragen, die bei der vom Bezirk Mittelfranken und der Bürgerbewegung für Menschenwürde in Mittelfranken, Regionalgruppe Ansbach, gemeinsam getragenen Veranstaltung am 17. Juli diskutiert werden sollen. Mittelfrankens Bezirkstagspräsident Richard Bartsch hält ein Einführungsreferat. Dies sind die Teilnehmer der Experten-Runde: Ruth Banna, Pflegedienstleiterin und Vorsitzende der Alzheimer-Gesellschaft Rothenburg; Heiner Dehner, Diplom-Psychologe und Geschäftsführender Vorstand des Krisendienstes Mittelfranken; Dr. Birgit Mößner-Haug, Gerontopsychiaterin am Bezirkskrankenhaus Ansbach; Christiane Schuh, Fachstelle für pflegende Angehörige, Stadt und Landkreis Ansbach; Karl Wagner, Leiter der Senioren-Residenz Ansbach. Moderation: Ulrich Rach, Journalist und Schriftsteller, Sprecher der Bürgerbewegung für Menschenwürde in Mittelfranken, Regionalgruppe Ansbach.

Im zweiten Teil des Abends werden auch die Zuhörer die Möglichkeit haben, Fragen an die Fachleute auf dem Podium zu stellen.


"Mit Würde streiten" am 24. April 2018

Plakat "Mit Würde streiten" am 24.04.2018 in Ansbach

Die Bürgerbewegung für Menschenwürde in Mittelfranken e.V., Regionalgruppe Ansbach, lädt ein zu einem Vortrag mit Übung

"Mit Würde streiten"

am Dienstag, den 24. April 2018 um 19:30 Uhr im Gemeindezentrum St. Gumbertus, Ansbach

Referentin: Claudia Kuchenbauer, Pfarrerin, Mediatorin, Traumpädagogin

Der Eintritt ist frei.


Vollversammlung am 28. Februar 2018 in Ansbach

Die Regionalgruppe Ansbach hat am 28.02.2018 ihre Vollversammlung gehalten. Nachfolgend können Sie die in der Versammlung beschlossene Geschäftsordnung sowie den Bericht des Sprechers nachlesen:

Download der Geschäftsordnung, Stand 28.02.2018
Rück- und Ausblick des Organisations-Teams in der Vollversammlung vom 28.02.2018


Vollversammlung am 28. Februar 2018 in Ansbach

Die Regionalgruppe Ansbach der Bürgerbewegung für Menschenwürde in Mittelfranken e. V. lädt Sie herzlich zu einer Vollversammlung ein, die am 28. Februar 2018 um 19 Uhr im Angletsaal des Kulturzentrums Karlsplatz, Ansbach stattfindet. Das Organisations-Team der Regionalgruppe misst dieser Zusammenkunft besondere Bedeutung zu und würde sich deshalb über Ihren Besuch sehr freuen.

Politischer Schwerpunkt des Abends wird ein Vortrag von Prof. Dr. Armin Scherb, Leiter des Studienbereichs Didaktik für Sozialkunde an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg sein. Das Thema lautet: "Integration, Inklusion und das Problem der 'Leitkultur' - Politische Schlagworte in der Flüchtlingsdiskussion".

Es folgt dann ein organisatorischer Teil. Dabei wollen wir unseren Status als Regionalgruppe der Bürgerbewegung für Menschenwürde in Mittelfranken neu definieren. Wir bringen deshalb eine Geschäftsordnung zur Beschlussfassung ein. Sie basiert auf der Tatsache, dass der Vorstand des Hauptvereins in Nürnberg die Regionalgruppe Ansbach mit einer Handlungsvollmacht ausgestattet hat.

Diese Vollmacht und weitere in einem Vorstandsbeschluss festgehaltene Ermächtigungen gewährleisten, dass wir künftig - vertreten durch unseren Sprechern als Bevollmächtigten - offiziell im Namen der Bürgerbewegung handeln und Erklärungen abgeben dürfen, sofern sie Westmittelfranken betreffen. Dies verschafft unserer Regionalgruppe eine Rechtssicherheit, die bisher fehlte, und bringt ihr de facto die Anerkennung als ein Teil der Bürgerbewegung für Menschenwürde in Mittelfranken e.V. Einzelheiten entnehmen Sie bitte dem Entwurf der Geschäftsordnung.

Auf der Grundlage dieser Geschäftsordnung wird bei der Vollversammlung auch das Sprecher- und Organisationsteam der Regionalgruppe neu gewählt.


Podiumsdiskussion "Der Friede sei mit euch!" am 1. Februar 2018 in Ansbach

Plakat zur Podiumsdiskussion am 01.02.2018 in Ansbach

Unter der Überschrift "Der Friede sei mit euch! - Die Religionen und die Konflikte in der Welt" hatte die Ansbacher Gruppe der Bürgerbewegung für Menschenwürde eine Podiumsdiskussion unter anderem mit Regionalbischöfin Gisela Bornowski und Erzbischof Dr. Ludwig Schick veranstaltet. Mit dabei waren auch der Geschäftsführer der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg, André Freud, der Sprecher der Begegnungsstube Medina Nürnberg, Ali-Nihat Koc, sowie Michael Bauer vom Vorstand des Humanistischen Verbandes Bayern. Einig waren sich die Diskutanten, dass Religionen immer im Dialog sein müssen, Hass und Gewalt zu begegnen.

Der Moderator, der Chefredakteur der Nürnberger Nachrichten Alexander Jungkunz, stellte zu Beginn des Meinungsaustausches in der Ansbacher Karlshalle fest, dass "viel zu oft im Namen Gottes Kriege geführt wurden und werden". Mit der Frage, ob Religionen bedrohlich seien führte er in die Gesprächsrunde ein. Die evangelische Regionalbischöfin Gisela Bornowski berichtete zu Beginn von einem Besuch in Israel, wo ein palästinensischer Vertreter gesagt hat, die größte Gefahr sei, dass alle Bevölkerungsgruppen immer religiöser werden. Bambergs Erzbischof Dr. Ludwig Schick, der selbst schon Ziel von Morddrohungen war, stellte fest, dass keine Religion in sich gewalttätig sei. Die Frage sei, wie der Mensch mit dem in ihm steckenden Gewaltpotenzial umgehe. Alle Religionen müssten sich gemeinsam gegen Gewalt und Krieg aussprechen.

André Freud, der Geschäftsführer der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg, sagte, an den Ursprung von Gewalt in der Religion glaube er nicht. Religion löse Gewalt aus, wenn sie missbraucht und politisch benutzt werde. "Religion ist kein Gewaltbeschleuniger, nur missbrauchte und falsch verstandene Religion". Der in der Türkei geborene und in Nürnberg aufgewachsene Ali-Nihat Koc erklärte, wegen extremer Sichtweisen kleiner Minderheiten tue man sich heute schwer, den Islam als friedliche Religion darzustellen. Doch im Koran heiße es, wer einen Menschen töte, töte die ganze Menschheit.

Die evangelisch-lutherische Regionalbischöfin Gisela Bornowski bedauerte, dass Religion immer wieder für Machtinteressen missbraucht werde. Umso wichtiger sei es, dies durch ein gegenseitiges Kennenlernen in einem intensiven Dialog zu verhindern. Auch Erzbischof Schick unterstrich, dass der Missionsbefehl im Neuen Testament nicht als ein Brandstifter, sondern als ein Friedensstifter verstanden werden müsse. Der Landesvorsitzende des Humanistischen Verbandes, Michael Bauer, meinte, es gebe auch aggressive Religionen. Es gehe um das Zivilisationsprojekt Mensch insgesamt, um eine offene Gesellschaft und gelebte Pluralität ohne Privilegien. Für einen "Dialog der Religionen untereinander" sprachen sich alle Glaubensvertreter auf dem Podium aus. In diesen Dialog müssten auch nichtreligiöse Menschen einbezogen werden, erklärte Michael Bauer. Der Staat dürfe sich keine Weltanschauung zu Eigen machen, so seine klare Forderung. Dazu gehöre auch, dass keine Religion Vorteile genießen dürfe.

Ali-Nihat Koc wies darauf hin, dass es "den Islam" nicht gebe, weil es keine hierarchischen Strukturen in der islamischen Gemeinschaft in Deutschland gebe. Jede Mosche-Gemeinde müsse letztlich für sich selbst sprechen. Islam bedeutet übersetzt Friede, so Koc, und problematisch sei, wenn die Religion ganz eng mit Herrschaftsstrukturen verbunden sei, wie im Königreich Saudi-Arabien. Erzbischof Schick betonte, dass sich alle Religionen klar zum Frieden und zur Gewaltlosigkeit bekennen müssen und nur wenn dieser Schulterschluss gelinge, werde es dauerhaften Frieden geben.

Unser Foto zeigt Ulrich Rach, Michael Bauer, Ali-Nihat Koc, Regionalbischöfin Gisela Bornowski, Alexander Jungkunz, Erzbischof Ludwig Schick und André Freud (von links). Foto: Biernoth
Unser Foto zeigt Ulrich Rach, Michael Bauer, Ali-Nihat Koc, Regionalbischöfin Gisela Bornowski, Alexander Jungkunz, Erzbischof Ludwig Schick und André Freud (von links). Foto: Biernoth